Creveld, Martin van: Kampfkraft

Creveld, Martin van: Kampfkraft
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Militärische Organisation und militärische Leistung 1939-1945

Martin van Creveld gilt als der bedeutendste israelische Militärexperte. Seine Thesen über die Zukunft des Krieges haben international Beachtung gefunden.

Sein Buch "Kampfkraft. Militärische Organisation und militärische Leistung 1939-1945" gilt als Standardwerk über den Zweiten Weltkrieg und wurde vom Rombach-Verlag in drei Auflagen herausgebracht. Mit einem aktuellen Vorwort des Autors versehen, liegt es nun in einer erweiterten Neuauflage vor.

In diesem Werk vergleicht er die deutsche Wehrmacht in Sachen Organisation, Training, Lehre, Taktik und Organisationskunst mit den Streitmächten der Alliierten und zeigt, daß sie ihren Gegnern in dieser Hinsicht überlegen war. Auch die Disziplin und Moral ihrer Soldaten bezeichnet Creveld in seiner überaus sachlich geschriebenen Studie als vorbildhaft.

Als Jude, der Teile seiner Familie in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verloren hat, liegt es Creveld fern, die Verbrechen des NS-Regimes in irgendeiner Weise zu beschönigen, doch hält er ebenso daran fest, daß die Wehrmacht als solche keine verbrecherische Organisation gewesen ist. Daher erklärte er auch in einem Interview mit der Zeitschrift "Focus" anläßlich des 60. Jahrestages des Kriegstages, daß hinsichtlich Strategie, Organisation und Doktrin keine Armee des 20. Jahrhunderts mehr der Wehrmacht ähnelte als die israelische.

2005, 216 Seiten, schwarz-weiß Abb., Format: 23 × 15 cm

Kundenrezensionen:

Autor:  Gast am 16.03.2006
Bewertung:TEXT_OF_5_STARS

Rezension:

Das hier anzuzeigende Buch des bekannten israelischen Militärhistorikers ist erstmalig 1982 in den USA erschienen. Es untersucht in vergleichender Methode die Kampfkraft des deutschen Heeres und der US-Army im II. Weltkrieg. Hauptursache sind der "Vietnamschock" und die daraus folgenden Ideen der "Militärreformer". Schon die 1978 in den USA und zugleich in Kanada veröffentlichte berühmte Studie: "Crisis In Command" der Reserveoffiziere Richard A. Gabriel und Paul L. Savage über das "Mismanagement in the Army" hatte die Fehler und Mängel im amerikanischen Heer rücksichtslos offenbart und angeprangert. Dort findet sich die sehr bedeutsame Feststellung "...that institutions do not reform themselves without a great amount of external pressure being brought to bear first. Too many sunk costs, too many careers, too many status roles, are invested in the status quo." Verhältnismäßig spät hat das Militärgeschichtliche Forschungsamt im Verlag Rombach, Freiburg, eine deutsche Übersetzung herausgebracht und dabei, wie schon zuvor, fachliche Beratung und Hilfe geleistet. Im Führerkorps der Bundeswehr, die ja selbst keine Einsatzerfahrung hatte, sind aus dieser Arbeit wertvolle Erkenntnisse gewonnen, aber aufgrund der ignoranten zivilen Leitung nur unvollkommen ausgewertet worden. Betriebswirtschaft und Managementverfahren gaben weiterhin den Ton an, obwohl die Amerikaner damit gerade hinsichtlich der Kampfkraft überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Der Verfasser hat die englische Ausgabe "Fighting Power", German and U. S. Army Performance 1939-1945 von einem kommandierenden General des VII. US- Corps als Geschenk erhalten und wurde von einem Divisionskommandeur auf dessen Abschiedstour in einem Vier-Augen-Gespräch über die Qualifikation des amerikanischen Führerkorps im Vergleich zum Deutschen ausgiebig befragt. Beide Generale stiegen später zu 4-Sterne- Generalen auf, was ihr Verhalten vielleicht als Ausnahme kennzeichnet. Es bleibt dennoch der begründete Eindruck, daß die hohen amerikanischen Führer offen für Kritik und sehr ernsthaft um Verbesserung ihrer Truppe bemüht waren. Auf 209 Seiten wird das Problem in 12 Kapiteln wissenschaftlich und mit ausreichend statistischem Material belegt abgehandelt: 1. Das Problem, 2.Die Rolle des Nationalcharakters. 3.Militär und Gesellschaft. 4.Kriegslehre und Kriegsbild. 5. Führungsprinzipien. 6. Heeresorganisation. 7. Heerespersonalwesen. 8. Die Erhaltung der Kampfkraft. 9. Belohnung und Bestrafung. 10. Die Unteroffiziere. 11. Führung und Offizierkorps. 12. Schlußfolgerungen. Die Anmerkungen sind den einzelnen Kapiteln jeweils angefügt, was die Lesbarkeit erleichtert. Die Quellen- und Literaturangaben am Schluß enthalten die meisten der auch dem deutschen Leser als wichtig bekannten Unterlagen und bleiben durch kluge Beschränkung übersichtlich. Ein Stichwortverzeichnis fehlt leider. In den Schlußfolgerungen spricht der Autor vom "Geheimnis der hohen Kampfkraft des deutschen Heeres" und sagt wörtlich: "Das deutsche Heer war eine vorzügliche Kampforganisation. Im Hinblick auf Moral, Elan, Truppenzusammenhalt und Elastizität war ihm wahrscheinlich unter den Armeen des zwanzigsten Jahrhunderts keine ebenbürtig." Dabei spielten gegenseitiges Vertrauen, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und das Recht und die Pflicht der nachgeordneten Führer aller Ebenen, selbständig Entscheidungen im Sinne der "Auftragstaktik" zu treffen und auszuführen, eine entscheidende Rolle. Merkwürdigerweise wird das Wort "Kameradschaft" nicht verwendet. Immerhin kommen die Erkenntnisse des Autors insgesamt dem nahe, was ein hochdekorierter ehemaliger Regimentskommandeur der Gebirgsjägertruppe mit umfassender, langjähriger Erfahrung aus dem Rußlandfeldzug dem Verfasser etwa 1965 an der Infanterieschule gesprächsweise auf dessen Frage nach dem Kampfwillen des Soldaten spontan antwortete: Überlebenswille (der Gegner läßt mir keine Wahl), Kameradschaft (ich lasse meinen Leutnant nicht im Stich und die Feldgendarmerie, das heißt die Disziplin (auf Fahnenflucht steht der Tod). Eine der ersten soziologischen Studien von Rang, die sich wissenschaftlich mit der Frage beschäftigte, warum der Soldat kämpft, war "Der einsame Soldat von Rolf R. Bigler. Dieses Buch räumte mit vielen, meist "zivilen" Legenden auf und wurde in den Streitkräften heiß diskutiert, weil diese immer wieder wegen ihres angeblich übertriebenen "Kämpfermythos" und den daraus abgeleiteten Führungs- und Ausbildungsgrundsätzen angegriffen worden sind und werden. Schließlich setzte sich für lange Zeit und unterschwellig bis heute der wenig überzeugende und den Ernst des militärischen Auftrages letztlich leugnende Leitsatz durch: "Kämpfen können um nicht kämpfen zu müssen!" Grund genug, sich mit van Crevelds Erkenntnissen zu beschäftigen und das für die heutige Zeit Verwendbare zu nutzen. Dem deutschen Generalstabssystem, über das seit 1977 bereits eine vorzügliche Studie mit dem Titel: A Genius for War des Obersten Trevor N. Depuy vorliegt, widmet der Autor einen gesonderten Exkurs. Darin heißt es ziemlich am Anfang: "Die Wirkung des Generalstabs auf die Kampfkraft des Heeres kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden." Die vergleichenden Analysen der amerikanischen Armee möchten wir hier aus Platzgründen übergehen. Um möglichen Einwänden zu begegnen, macht der Autor auf seine schon eingangs erwähnte Formel aufmerksam: "Innerhalb der durch ihre Größe bestimmten Grenzen entspricht der militärische Wert einer Armee der Quantität und Qualität ihrer Ausrüstung, multipliziert mit ihrer Kampfkraft." Besonders interessant ist die schlechte Beurteilung, welche die "Truppenindoktrination" erhält. "…gibt es eine Menge empirischer Belege, daß sich die Indoktrination auf die Truppen in ähnlicher Weise auswirkt wie Regen auf eine Ente: sie gleitet von ihnen ab." Wollte man dies auf die Streitkräfte der Bundeswehr übertragen, so müßte man die heiligen Kühe "Politische Bildung und Innere Führung" als Lehrfächer wenn schon nicht schlachten, so doch wenigstens auf Schmalkost setzen. Umfrageergebnisse unter deutschen Kriegsgefangenen haben ergeben, daß die Gruppe der "fanatischen Nazis" gerade einmal 11% der Gesamtheit ausmachte (Seite 107). Dies widerlegt die heute so gern sogar von lieben Landsleuten gebrauchte Legende von der "Naziwehrmacht". Etwas deutlicher hätte vielleicht im Vergleich der deutschen Soldaten mit den amerikanischen herausgearbeitet werden können, daß die Deutschen aus den Erfahrungen von Versailles, mit dem alliierten Luftkriegsterror in der Heimat und mit dem Bolschewismus wußten, daß es ein Kampf auf Leben und Tod und um die Existenz des deutschen Volkes war. Eine weitere Legende bleibt unbestätigt, "Da die verfügbare Literatur den Beweis nicht ermöglicht, ob die Deutschen eine besonders kriegerische Veranlagung haben (oder nicht)..." Gleichwohl hat der farbige kommandierende General eines US-Corps während einer Großübung in der ersten Hälfte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts dem Verfasser berichtet, daß die sowjetischen Manöverbeobachter fast ausschließlich nach der teilnehmenden deutschen Panzerbrigade gefragt hätten. Auf die erstaunte Reaktion hin fügte er an: "Ihr seid nun einmal die geborenen Krieger!" Die Deutschen selbst produzieren fortlaufend historische Fernsehsendungen, aus denen der naive Betrachter entnehmen muß, die Wehrmacht sei auf der Flucht und in Kriegsgefangenschaft bis vor die Tore Moskaus, an den Atlantik, nach Lappland und bis El Alamein gekommen. Bilder über Vormarsch und Siege unserer Soldaten sind offensichtlich tabu. Daher ist die israelische Studie von besonderem Wert. Deutschen Schwindel können sich die Israelis auch nicht leisten, da sie - wie wir im II. Weltkrieg - umgeben von feindlichen Völkern in einem Überlebenskampf auf Leben und Tod stehen, weswegen sie auch nicht auf Angriffe ihrer Gegner warten, sondern Präventivkriege/ und -Schläge führen und sich sogar mit Massenvernichtungswaffen versehen. Darüber hinaus haben sie sich in anderen Armeen umgesehen. "Fern aller Beschönigungen des NS-Regimes hat der israelische Historiker anläßlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes festgestellt, daß keine Armee des 20. Jahrhunderts hinsichtlich Strategie, Organisation und Doktrin mehr der Wehrmacht ähnelte als die israelische." (Textauszug rückwärtiger Einbanddeckel) Leider macht der Autor, wohl auch aus Überzeugung und wegen des Druckes der Öffentlichkeit, Zugeständnisse an den Zeitgeist, indem er die "Verwicklung" der Wehrmacht in Kriegsverbrechen, den Holocaust usw. im Vorwort herausstreicht. Später heißt es dann: "…war das deutsche Heer sowohl dazu imstande, außerordentlich standhaft zu kämpfen, als auch ungezählte Mengen unschuldiger Menschen kaltblütig abzuschlachten." Diese und ähnliche Einlassungen etwa über die rücksichtslose Aggressionspolitik der Deutschen klingen angesichts der praktischen Politik Israels höchst merkwürdig, beeinträchtigen den Wert der Studie aber nicht. Sie befaßt sich allerdings ausschließlich mit dem Heer und übergeht dabei die Waffen-SS. Das ist verständlich, aber zugleich bedauerlich. War diese doch die erste sozialistische und internationale deutsche Truppe der Neuzeit mit vielen interessanten neuen Führungsgrundsätzen. Für sie sowie für Luftwaffe und Marine stehen ähnliche und gleichwertige Untersuchungen noch aus. Im übrigen sollte die Studie Anlaß sein, Lehren für unsere Streitkräfte zu ziehen und die "Innere Führung" zu überprüfen. Die zarten Pflänzchen der Tradition sind gerade gewaltsam gekappt worden. Die sogenannte "Transformation" führt nun zu einem Soldaten, der global eingesetzt wird. Die Bundeswehr hat im Jahr 2005 ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert. Die Wehrmacht hatte gerade einmal fünfeinhalb Jahre Zeit, dann mußte sie in den Krieg ziehen, unfertig und schlecht ausgerüstet. Ihre Kampfkraft war ein Wunder! Wir werden eines Tages unsere Streitkräfte nicht mit den Amerikanern, sondern mit der Wehrmacht zu vergleichen haben! Dem Ares Verlag gebührt hohe Anerkennung, dieses Buch in überarbeiteter Fassung neu herausgegeben zu haben. Brigadegeneral a.D. Reinhard Uhle-Wettler Quelle: http://www.swg-hamburg.de/Buchbesprechungen/Martin_van_Creveld__Kampfkraft/martin_van_creveld__kampfkraft.html

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Diesen Artikel haben wir am Mittwoch, 04. Januar 2006 in unseren Katalog aufgenommen.

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